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Das Ende der Abschlussprüfung: Warum punktuelle Compliance unter DORA nicht mehr ausreicht

Die Logik der regulatorischen Aufsicht ändert sich: Digitale Resilienz bedeutet heute mehr als nur periodische Tests oder einzelne Release-Gates. Vielmehr ist eine dauerhafte Nachweisfähigkeit entscheidend. In Zukunft müssen Finanzunternehmen jederzeit nachweisen können, dass ihre Systeme stabil, kontrolliert und regelkonform arbeiten.

Von Björn Eckmayer, Sales Director im Bereich Banking, Financial Services & Insurance bei Expleo

Politik & Regulierung

Über Jahre hinweg setzte die Versicherungsbranche auf ein IT-Denkmodell, das lange Zeit als verlässlich galt: die Abschlussprüfung als zentraler Kon­trollmechanismus. Regulatorische Anforderungen wurden am Ende ei­nes Projekts oder unmittelbar vor der Bereitstellung geprüft. Compliance fungierte dabei als nachgelagerte Instanz zwischen Entwicklung und Betrieb.

Dieses Modell gerät zunehmend unter Druck. Der Perspektivwechsel ist fundamental: Die Frage lautet nicht mehr „War das Release compliant?“, sondern „Ist der laufende Betrieb jeder­zeit nachweislich compliant?“. DORA wirkt dabei weniger wie ein weiteres Regelwerk, sondern vielmehr wie ein struktureller Einschnitt in Governance- und IT-Steuerungslogiken.

Das alte Prüfmodell entstand in einer Zeit mit langen Release-Zyklen, stabilen Kernsystemen und klar ge­trennten Verantwortlichkeiten zwi­schen den Bereichen Entwicklung, Betrieb und Kontrolle. In der Praxis kamen manuelle Checklisten, doku­mentationsbasierte Nachweise und sequenzielle Übergaben zum Einsatz. Ein praktikables Modell, jedoch nur, solange Änderungen selten und IT-Landschaften überschaubar sind.

Heute bewegen sich Versicherer in hybriden Architekturen, die aus Lega­cy-Systemen, Cloud-Anwendungen, Komponenten von Drittanbietern so­wie KI-gestützten Prozessen bestehen. Releases erfolgen häufiger, Produkte gewinnen an Komplexität und regu­latorische Anforderungen werden dynamischer. Gleichzeitig steigen die Erwartungen von Kunden und Auf­sichtsbehörden. In diesem Umfeld darf Agilität kein leeres Versprechen bleiben, sondern muss sich in stabilen, kontrollierten Prozessen widerspie­geln. Genau hier entsteht ein Zielkon­flikt: Punktuelle Prüfungen treffen auf kontinuierliche Veränderung und ver­lieren so an Wirksamkeit.

Eine digitale Illustration eines Schildes mit einem Häkchen in der Mitte, umgeben von leuchtenden Netzwerklinien und -knoten, die Cybersicherheit und Datenschutz auf einem futuristischen, blau-violetten Hintergrund symbolisieren.

Die Versicherungswirtschaft ist besonders betroffen

Während Banken ihre Prüfprozesse bereits stark professionalisiert haben, stehen viele Versicherer noch vor dem strukturellen Umbau ihrer Governance-Logik. In der Regel nutzen sie langlebige Kernsysteme, die nur schrittweise aktu­alisiert werden. Eine „Big-Bang-Ablö­sung“ ist teuer, komplex und riskant. Wichtige Transformationsinitiativen wie die Migration in die Cloud, die Öffnung von APIs oder die datengetriebene Pro­duktentwicklung müssen dagegen mit deutlich höherem Tempo neben dem eigentlichen Kernsystem weiterentwi­ckelt oder sogar gänzlich neu konzipiert werden.

Hinzu kommt, dass ein erheblicher Teil der eingesetzten Software extern bezogen wird. Das heißt: Während die zentralen Geschäftsprozesse häufig über Standardlösungen abgewickelt werden, kommen einzelne Sparten oder Zusatzleistungen über spezialisier­te Anbieter zum Einsatz. Doch auch bei zugekaufter Software bleibt die regu­latorische Gesamtverantwortung beim Versicherer. Die Nachweisfähigkeit muss unabhängig vom Hersteller ge­währleistet sein. DORA trifft deshalb in vielen Unternehmen auf eine IT-Realität, die aufgrund ihrer historischen Entwick­lung nicht auf kontinuierliche Prüfme­chanismen ausgelegt war.

Klassische Compliance-Logik vs. Continuous Governance

Dimension
Klassische Compliance-Logik
Continuous Governance
Grundverständnis

Zeitpunkt der Prüfung

Prüfmechanismus

Nachweisführung

Organisationslogik

Rollenverständnis

Audit-Vorbereitung

Wirtschaftliche Wirkung

Compliance als Pflichtübung und Kontrollinstanz

Nachgelagert (Abnahme, Release-Gate, Audit)

Manuelle Reviews, Checklisten, Freigaben

Dokumentationsbasiert (Berichte, Protokolle)

Trennung von Dev, Ops und Compliance

Compliance prüft am Ende

Ad-hoc-Taskforces, Vorbereitungsphasen

Compliance als Kostenblock

Compliance als integrierter Bestandteil des Entwicklungs- und Betriebsprozesses

Kontinuierlich bei jeder Codeänderung / in jeder CI/CD-Pipeline

Automatisierte Policies, regelbasierte Prüfungen, technische Kontrollmechanismen

Systemisch erzeugte Audit-Trails, versionierbar und reproduzierbar

Verzahnung von IT, QA, Compliance und Betrieb

Compliance wirkt von Anfang an mit („Shift Left“)

„Audit-ready by design“

Compliance als Stabilitäts- und Effizienzhebel

Compliance als durchgehender Prozess

„Continuous Governance” ermöglicht es, Compliance an das Tempo der mo­dernen IT anzupassen. Regulatorische Anforderungen werden nicht mehr nur dokumentiert und am Ende geprüft, sondern als technisch überprüfbare Regeln direkt in Entwicklungs- und Be­triebsprozesse integriert. Das bedeutet konkret, dass Prüfungen bereits in CI/CD-Pipelines stattfinden, noch bevor Code produktiv wird. Dabei werden Vorgaben nicht mehr als Textdoku­mente abgelegt, sondern als maschi­nenlesbare Richtlinien formuliert. Jede Codeänderung durchläuft automati­siert diese Prüfinstanzen. Parallel dazu entstehen lückenlose, versionierbare Audit-Trails, die jederzeit nachvollzieh­bar machen, welche Anforderung zu welchem Zeitpunkt erfüllt wurde.

Damit verlässt Compliance ihre Rolle als nachgelagertes Gate. Systeme sind nicht erst auditfähig, wenn eine Prü­fung ansteht, sondern sie sind „audit-ready by design”. Künstliche Intelligenz kann diesen Prozess unterstützen, etwa bei der Ableitung von Prüfregeln oder der Analyse von Anomalien. Sie er­setzt jedoch nicht die Verantwortung. Ein „Expert-in-the-Loop“-Ansatz bleibt notwendig, um Qualität, Kontext und ethische Dimensionen zu sichern. 

Geschwindigkeit durch Struktur

Continuous Governance ist kein reines Kontrollinstrument, sondern verändert die bisherige Vorgehensweise bei Re­leases grundlegend. Während manu­elle Freigabeschleifen früher Tage oder Wochen in Anspruch nahmen, greifen nun automatisierte Prüfmechanismen in Echtzeit. Dadurch verkürzen sich die Release-Zyklen, die Anzahl der Audit- Befunde nimmt ab und der Wiederho­lungsaufwand sinkt. Knappe Experten­ressourcen werden dort eingesetzt, wo Urteilskraft gefragt ist, nicht dort, wo Regeln maschinell abgeprüft werden können.

Praxiserfahrungen zeigen: Unter­nehmen, die regulatorische Prüfungen systemisch in ihre Pipelines integrieren, gewinnen messbar an Tempo und Plan­barkeit. Diese Planbarkeit ist wiederum Voraussetzung für Innovation, gerade in einem Markt, in dem Insurtechs bei Geschwindigkeit und Kundenzentrie­rung vorlegen. Damit wird Governance vom Kostenfaktor zur infrastrukturellen Voraussetzung für Wettbewerbsfähig­keit.

Das Risiko des „Das haben wir schon immer so gemacht!“

Das Festhalten an veralteten Prüfme­thoden erzeugt eine trügerische Sicher­heit. Wer regulatorische Anforderungen nur punktuell überprüft, verschiebt das Risiko, anstatt es zu beseitigen. In hybri­den IT-Landschaften mit hoher Release- Frequenz entstehen zwischen Releases, Systemänderungen und Updates von Drittanbietern blinde Flecken, die sich nicht mehr schließen lassen. Diese Lü­cken werden oft erst im Audit oder im Ernstfall sichtbar, und dann ist es häufig bereits zu spät.

Der Umgang mit ausgelagerten Cloud-Services verdeutlicht die Dimen­sion dieses Problems. Werden Lizenz­vorgaben, Sicherheitsanforderungen oder Verfügbarkeitskriterien nicht kontinuierlich überwacht, entsteht ein Risiko, das weit über formale Bean­standungen hinausreicht. Reputations­schäden, IP-Verluste und Betriebsunter­brechungen sind keine hypothetischen Szenarien, sondern dokumentierte Risi­ken.

DORA verschärft diese Realität noch einmal grundlegend, denn die regulatorische Verantwortung endet nicht mehr am eigenen Systemrand. Auch Drittanbieter, Schnittstellen und KI-gestützte Module fallen in den Gel­tungsbereich – und damit in die Nach­weispflicht des Versicherers.

Governance als Systemfrage, nicht als Toolbox

Bei Continuous Governance geht es nicht um die Einführung neuer Tools. Im Mittelpunkt steht keine neue Software, sondern eine neue Herangehenswei­se. Entscheidend ist, geschäftskritische Prozesse und Systeme an den Stellen zu identifizieren, an denen Betriebssta­bilität und regulatorische Nachweisfä­higkeit unmittelbar zusammenfallen. Genau dort muss Governance in die be­stehenden Entwicklungs- und Betriebs­modelle integriert werden.

Dies setzt voraus, dass die Verant­wortlichkeiten zwischen den Bereichen IT, QA und Compliance klar abgestimmt sind und die regulatorischen Anforde­rungen technisch prüfbar formuliert werden. Die Grundlage dafür ist Daten­qualität, denn ohne sie bleiben automa­tisierte Kontrollen Makulatur.

Mit DORA verschiebt sich der regu­latorische Maßstab dauerhaft. An die Stelle der Abschlussprüfung tritt eine kontinuierliche, systemisch integrierte Governance-Logik, die Compliance in der DNA der IT verankert. Unterneh­men, die diesen Schritt vollziehen, gewinnen nicht nur an Sicherheit und Planbarkeit, sondern schaffen auch die strukturellen Voraussetzungen für Ge­schwindigkeit und Innovationskraft in einem zunehmend digital geprägten Wettbewerbsumfeld.